Das Sozialgefüge eines Hundegepanns

Copyright © by Raymond & Lorna Coppinger. Reprinted with permission by Scribner, an Imprint of Simon & Schuster, Inc.

Scharnitz
Smilla und Vanjou (Schwestern) in Lead (© by phos:phor)

Miteinander im Gespann laufen ist ein sozialer Akt, ein Gemeinschaftssystem. Wie gut dieses Sozialgefüge funktioniert, hängt zu einem Teil von der Ansammlung von Einzeltalenten ab, mehr noch aber davon, wie sehr Körpergrösse und Laufeignung des Körperbaus der Tiere untereinander harmonieren. Ein Hund allein kann einen Menschen nicht mit Renngeschwindigkeit ziehen, auch zwei, oder drei oder vielleicht sogar sechs oder sieben nicht. Ein Hund kann nie so gross sein, dass er alleine einen Schlitten schnell und über eine längere Strecke ziehen kann, weil die Körpergrösse, mit der ein Hund noch arbeiten kann, physiologischen Beschränkungen unterliegt. Die Arbeitsleistung muss daher auf mehrere Tiere aufgeteilt werden, um die Aufgabe zu bewältigen. Trotzdem hängt die Leistung eines Hundes nicht nur von seiner Bereitschaft und seiner Teamfähigkeit ab, sondern auch davon, ob es für ihn und seine körperliche Konfiguration im System den geeigneten Platz gibt. Jeder Hund muss die Fähigkeit besitzen, Hochgeschwindigkeiten zu laufen, aber das ist nicht alles; jeder Hund muss synchron mit einem anderen Hund laufen und gemeinsam mit diesem in einem Team. Talent heisst in diesem Fall, dass er die dafür erforderliche Körperkonformation hat. Perfektion entsteht nicht durch aussergewöhnliches Talent, sondern durch das genau gleiche Talent der Hunde, egal um welche Fähigkeit es sich handelt.

Diese Beschreibung eines Sozialgefüges unterscheidet sich deutlich davon, wie Hundegespanne sonst gerne beschrieben werden. Ein weit verbreitetes Klischee ist, dass sie wie ein Wolfsrudel sind, in dem ein Leitwolf das Rudel beherrscht. In diesem Bild wird der Schlittenführer mit dem Rudelführer gleichgesetzt, dem so genannten Alphatier, der dem Rudel seinen Willen aufdrückt und es unter Androhung physischer Gewalt zum Laufen zwingt. Der Schlittenführer, so will es dieses Klischee, zwingt die rangniedrigeren Tiere, sich zu unterwerfen, und knallt mit der Peitsche, um die Hunde zu schnellerem Lauf anzutreiben. Um das Bild der Legenden vollständig zu machen, erzählt man sich noch von nordischen Stämmen, bei denen die Hündinnen irgendwo draussen angepflockt werden, damit sich die Wölfe in der Gegend mit ihnen paaren können. Der Sinn der Sache besteht darin, dass eine Verpaarung mit Wölfen den Schlittenhunden angeblich mehr Kraft und Ausdauer verleiht.

Nichts könnte falscher sein.

Vielleicht gab es tatsächlich Leute, die ihre Hunde mit Wölfen verpaarten und sie dann mit Peitschen schlagen mussten, damit sie sich nicht gegenseitig umbrachten, wenn sie im Geschirr standen. Es ist vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich, dass die Einzüchtung von 45 kg schweren Wölfen eine ganze Serie völlig kontraproduktiver Faktoren mit sich bringen würde. Aber in Wirklichkeit würden sich Ausdauer und Kraft verringern. Es würde zu Rangordnungs– und Dominanzverhalten kommen, das einer guten Zusammenarbeit im Wege steht. Der Rhythmus und das Synchronlaufen wären weg, weil Wölfe unabhängige Tiere sind, denen ihre Individualdistanz viel wichtiger als Hunden ist. Auf Kommandos reagieren Wölfe üblicherweise, indem sie entweder eine Unterwerfungshaltung einnehmen oder je nach Laune einfach aufhören und schmollen. Mir fällt keine einzige Eigenschaft ein, die Wölfe haben und die ich für ein Hundegespann brauchen könnte. Ken MacRury, der jahrelang nordische Hunde studierte und mit Inuit–Hunden zu Rennen ging, erzählt, dass die Inuit, die er persönlich kennt, nur lachen, wenn jemand vorschlägt, Hunde mit Wölfen zu paaren. Auch sie glauben nicht an diese Geschichte. Einige Schlittenführer in Alaska versuchten, mit Wölfen in ihrem Gespann zu arbeiten, im Grossen und Ganzen erfolglos. Jack Londons erfundener Leithund, Buck, träumte davon, ein richtiger Wolf zu sein, und verliess schliesslich die Welt des Menschen und kehrte in die Wildnis zu einem Wolfsrudel zurück.

Diese Bilder sind für mich nicht nur reine Erfindung, sondern gleichzeitig schlimm. Ich glaube, dass Abenteuergeschichten immer auf einem Funken Wahrheit beruhen sollten. London tut mit seinen Geschichten weder den Hunden noch den Wölfen einen Gefallen. Die Vorstellung, dass ich losziehe, mir für 5000 Dollar einen Leithund kaufe, ihn mit nach Hause nehme und ihn dann mit dem restlichen Hunderudel kämpfen lasse, um zu sehen, ob er sich als Alphatier durchsetzt, ist zum Schreien komisch. Das Letzte, was ein Schlittenführer will, ist ein Hundekampf. Dabei könnten nicht nur wertvolle Tiere verletzt werden, Feindseligkeiten zwischen einzelnen Tieren wären eine dauernde Belastung für das Gespann. Ich will ganz sicher keinen Hund, der mit seinem Rang im Gespann nicht klarkommt oder dauernd versucht, die Rangordnung auszutesten. Ich will auch keine Hunde, die sich mir unterwerfen. Die blosse Vorstellung von Hunden, die sich auf den Rücken wenden und pinkeln, wenn sie mich kommen sehen, ist mir zuwider.

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Ninja und Sava (Schwestern) in Lead (© by Martin Hanselle)

Bei einem 12– oder 16–köpfigen Gespann gibt es üblicherweise zwei Leithunde, die im Paar laufen. Es können Rüden oder Hündinnen als Leithunde im Paar laufen. Was bedeutet das für die Theorie vom Alphahund? Zwei weibliche Alphatiere? Ein starkes Hundegespann hat gleich mehrere Leithunde. Der Schlittenführer kann abwechselnd verschiedene Hunde vorne einsetzen und ermüdete Tiere austauschen, wenn sie keine Renngeschwindigkeit mehr vorgeben können.

Hunde sind keine Wölfe. Hunde laufen nicht als Rudel. Beim Rudel geht es darum, gemeinsam zu jagen. Schlittenhunde laufen, weil die anderen Hunde laufen. Sie werden durch den Mitmacheffekt dazu motiviert. Ihr Lauf hat einen Rhythmus, sie können diesen Rhythmus wahrnehmen und laufen danach. Wenn man hinten auf einem Schlitten steht, kann man diesen Rhythmus spüren. Er ist sehr mächtig.

Struktur und Verhalten von Hunden ähneln oberflächlich vielleicht den Wölfen, aber man leistet den Hunden einen Bärendienst, wenn man in erster Linie auf die Ähnlichkeiten achtet. Schlittenhunde sind verglichen mit Wölfen ein evolutionsgeschichtlicher Fortschritt. Schlittenhunde sind ein so perfektes Produkt der Evolution, wie man es sich nur vorstellen kann. Sie können diese eine Sache besser als alle anderen Lebewesen. Warum sollte man das verpfuschen, indem man Wölfe einkreuzt?

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